© Dr. Hj. Biener
Ulm-Jungingen 711 kHz

Kleinsender zur Ergänzung von Mühlacker
Durch den auch im Rundfunk ausgetragenen Weltkrieg und die neue weltpolitische Lage in der Nachkriegszeit war der Luzerner Wellenplan obsolet geworden und stand eine Neuregelung dringend an. Das in Besatzungszonen aufgeteilte Deutschland war auf der Konferenz von Kopenhagen 1948 nicht bzw. nur durch die Besatzungsmächte vertreten und verlor durch die damals so genannte „Wellendemontage“ nicht nur die Langwelle, sondern auch viele Mittelwellen. 

1950 trat der Kopenhagener Wellenplan in Kraft, der die Nutzung von Lang- und Mittelwellen im Nachkriegseuropa und darüber hinaus koordinieren sollte. Überschattet vom beginnenden Kalten Krieg war er aber nur so etwas wie ein Orientierungsrahmen mit einem groben Interessenausgleich. Die US-Amerikaner beispielsweise setzten in ihren Besatzungszonen (Bayern, Württemberg, Hessen, Bremen) einen eigenen Wellenplan um. Er berücksichtigte die Kopenhagener Ergebnisse, belegte aber auch weitere Wellen. In Südwestdeutschland sah der Kopenhagener Wellenplan für den Großsender Mühlacker die Mittelwelle 575 kHz vor, aber schon in der „Ostzone“ sendete auf selber Welle die Konkurrenz (1952 Wöbbelin, 1957-1979 Wiederau). Dies war natürlich mit Bedacht, um den Empfang des Süddeutschen Rundfunks in der DDR zu verhindern; behindert wurde der Empfang allerdings auch im Westen. Deshalb rundete der Südfunk in den fünfziger Jahren den Versorgungsbereich für das erste Programm durch Kleinsender auf 998, 1169, 1412 und 1484 kHz ab. Jungingen war ab 1952 Standort für die Mittelwelle 1169 kHz. 

Die Gleichwelle 711 kHz
1978 trat der Genfer Wellenplan in Kraft. Auch jetzt musste sich der Süddeutsche Rundfunk die Hauptmittelwelle Mühlacker 576 kHz mit starken Sendern im Osten teilen, und so stützte der Süddeutsche Rundfunk die Versorgung über Sender auf 711, 1413 und 1485 kHz ab. Längst aber lief das wachsende Angebot von UKW-Programmen in besserer Audioqualität der Mittelwelle den Rang ab. Im Lauf der Jahrzehnte wurden die Kleinsender aufgegeben bzw. auf  711 kHz konsolidiert, wo Ulm schon plangemäß sendete. Nach dem Sendeende von Bad Mergentheim 1999 und Dossenheim 2004 bestand die Gleichwelle in den letzten Jahren nur noch aus Sendern in Heilbronn-Obereisesheim und Ulm-Jungingen. 

Die Kleinsender strahlten meist Südfunk 1 aus, in den achtziger Jahren tagsüber auch das dritte Programm. Andererseits waren die Nebensender, sicher nicht nur aus technischen Gründen, sondern auch aus Akzeptanzgründen, offenbar kein Thema für die Ausstrahlung der neuenstehenden Regionalprogramme. Nach der Fusion von SDR und SWF am 30. August 1998 wurde zunächst das Landesprogramm SWR-1 Baden-Württemberg ausgestrahlt und ab Juli 2002 der Info-Sender SWR ContRa. Abends 19.00-22.20 Uhr Ortszeit kam bis Ende 2002 das Ausländerprogramm. Zu diesem Zeitpunkt ließ der SWR die fremdsprachigen Sendungen auslaufen und verlängerte SWR Contra.

Ulm im Fokus medienpolitischer Auseinandersetzungen

Als in den achtziger Jahren heftig über die Öffnung des Rundfunksystems für Privatfunk gestritten wurde, gehörte Ulm zu den prominenten Gebieten. Hier gab es nicht nur Verlagshäuser, die den Privatfunk forcierten, sondern auch einen selbstbewussten Süddeutschen Rundfunk, der auf das Ausgreifen der Verlage mit der Regionalisierung seiner Arbeit antwortete. Im Mai 1982 startete das Ulmer Studio ein  "Ulmer Samstagsradio". Im September 1984 wurde aus der wöchentlichen Stunde eine werktägliche Morgenstrecke. Neben das "Schwabenradio" trat im Februar 1985 ein Stadtradio, ein befristetes Gemeinschaftsprojekt von SDR und einer "AG Lokalfunk Ulm", das ebenfalls ein werktägliches Morgenmagazin präsentierte. Als es Ende September 1986 den Betrieb wieder einstellte, zog zum Beispiel die Schwäbische Zeitung (Mit dem Mikrophon am Pulse der Stadt: Sechs Stadtradio-Redakteure ziehen Bilanz, in: Schwäbische Zeitung 1.10.1986) ein positives Fazit. Das Team aus fünf gelernten Lokaljournalisten und einem Rundfunkjournalisten hätte gezeigt, dass man erfolgreiches und gutes Lokalradio machen konnte. Neben den Artikel setzte man allerdings auch eine Straßenumfrage, in denen acht Ulm/Neu Ulmer die Frage nach dem Sendeende "von 'schade' bis 'mir egal'" beantworteten. (Stadtradio Ulm ist tot - Was meinen die Bürger?, in: Schwäbische Zeitung 1.10.1986)

Ulm-Jungingen
Autofahrer orientieren sich auf der B 10 an Ulm-Lehr und fahren von dort über die "Lehrer Straße" nach Ulm-Jungingen. Gleich am Ortseingang findet man dann den "Senderweg", der an einigen Wohnhäusern und dem Sportplatz vorbei zum kleinen Gelände des SWR führt. Auf manchen Stadtplänen findet man noch einen weiteren Senderstandort bei Jungingen verzeichnet, doch vor Ort sind nur noch ein Industriegebiet und polizeiliche Einrichtungen
Ich bin schon am Wegfahren, da komme ich mit einem Anwohner ins Gespräch. Er beklagt sich über Störungen im Telefonnetz, doch bei der Telekom habe man ihm nur zu einem Telefon mit besseren Toleranzen geraten. Auf meine Frage, was eher da war, die Häuser oder der Sender kann mir der Anwohner nichts sagen. Er lebt seit neun Monaten in dem Haus.

Bei Dauerhören von SWR Cont.Ra fällt auf, dass in Stationsansagen die Gleichwelle 711 kHz nicht genannt wird. So wird kollektiv auf die Großsender 567, 666 und 1017 kHz und die Mittelwelle Freiburg 828 kHz hingewiesen (z. B. 6.25, 16.59 MESZ), gelegentlich auch einzeln auf die großen Mittelwellen für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Da bei den Gleichwellenstandorten Bad Mergentheim und
Heidelberg ein kompletter Rückbau erfolgte, gab das Anlass zur Nachfrage über die Zukunft der Standorte Ulm und Heilbronn gehört werden. Manfred Bornschein (SWR-cont.ra / Zentrale Information) antwortete so:
"Wir haben drei große MW-Frequenzen mit großen Reichweiten, den Rheinsender Mainz Wolfsheim 1017 kHz, Mühlacker 576 kHz und den Bodenseesender 666 kHz. mit diesen drei Frequenzen können Sie cont.ra
von Zürich bis Düsseldorf empfangen. Alle anderen Frequenzen sind lokale Frequenzen: die 711 in Ulm und Heilbronn, die 1485 in Baden-Baden und die 828 in Freiburg. Das sind wichtige Frequenzen für diese Städte, aber wir propagieren sie nicht im Gesamtprogramm. (Manfred Bornschein 29.6.2005)

2010 neue Frequenz: 1413 kHz

Nach dem Fall der Mauer kam es bei zahlreichen Sendern zur Leistungsreduktion oder gar Abschaltung. Im Fall der SWR-Hauptwelle Mühlacker 576 kHz beispielsweise fiel der alte Störenfried aus Schwerin weg, 1994 vom NDR abgeschaltet und nach einer kurzen privaten Nutzung durch Mega Radio 2000-2003 endgültig verstummt.  

Da das Mittelwellenprogramm SWR cont.ra im Raum Heilbronn problemlos über Mühlacker zu hören war, wurde die Sendeanlage in Obereisesheim für Tests in Digitalradio umgebaut. Nachdem es schon zu Pfingsten eine entsprechende Meldung gab, sendete der Südwestrundfunk ab dem 31. Mai 2010 auf der Mittelwelle Obereisesheim 711 kHz regulär im Digitalmodus von Digital Radio Mondiale. "Digital Radio Mondiale" soll schon seit geraumer Zeit den traditionellen Wellenbereichen Lang-, Mittel- und Kurzwelle mit UKW-naher Audioqualität und zusätzlichen Datendiensten neues Leben einhauchen. Obwohl das 1998 organisierte DRM-Konsortium an die 100 Partner (Technikentwickler, Radiostationen, Dienstleister) umfasst und vom Studio bis zum Sender inzwischen alles digitalisiert ist, ist der Marktdurchbruch nicht gekommen, da es an marktfähigen Radiogeräten mangelt.

 

Zuvor wurde im März 2010 die Gleichwelle 711 kHz aufgelöst: Die Ulmer Mittelwelle 711 kHz wurde am 8. März 2010 abgeschaltet und zum 10. März 2010 nach 1413 kHz verlegt. Diese Mittelwelle wurde früher von den SDR-Sendern Bad Mergentheim (Am Kettenwald), Buchen-Walldürn (Hainstadt), Wertheim (Oberer Haag) sowie Heidenheim (Schloss Hellenstein) genutzt oder zumindest für die Versorgung im Norden Baden-Württembergs so koordiniert. Im Vorfeld versprach die SWR-Mitteilung  „einen deutlich besseren Empfang": "Raum Ulm: aus 711 kHz wird 1413 kHz. Unsere Hörer in Ulm können sich freuen: Ab Mittwoch 10. März 2010 haben sie einen deutlich besseren Empfang auf einer neuen Frequenz. SWR Cont.Ra hören sie dann im Raum Ulm auf Mittelwelle 1413 kHz (bis Montag 8. März noch auf 711 kHz)." (www.swr.de/contra/-/id=7612/nid=7612/did=5568236/1am91ht/index.html) Funkfreunde dagegen runzelten die Stirn, wie sich neue Frequenz 1413 kHz und die starken Signale der Deutschlandfunk-Mittelwelle Heusweiler 1422 kHz vertragen würden.
 

© Dr. Hansjörg Biener 0101
letzte Bearbeitung 1108
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