"music and more, this is VoA-Europe" © Dr. Hj. Biener 
1985-1995 VoA-Europe
Die Mittelwelle 1197 kHz war von 1985 bis 1995 eine der wichtigsten Frequenzen von VoA-Europe. Das musikorientierte 24-Stunden-Programm für Westeuropa bedeutete damals eine Revolution im Auslandsfunk. Die amerikanische Sichtweise war noch durch die Nachrichten, durch Magazinbeiträge und durch den regierungsamtlichen Kommentar präsent. Da der Versuch einer Finanzierung durch Werbung fehlschlug, wurde es eingestellt.

Nach gut 30 Jahren Unterbrechung begann die Voice of America am 15. Oktober 1985 wieder mit einem englischen Spezialprogramm für Europa: "VoA-Europe". Mit ihm waren viele Neuerungen im Programmformat wie in der Technik verbunden.

Ein innovatives Programmformat
Die Voice of America stellte sich an die Spitze einer neuen Entwicklung im Auslandsfunk, bei der die "Neuen" Medien wie Kabelanlagen und direktstrahlende Rundfunksatelliten für Auslandssendungen nutzbar gemacht werden. Ausgangspunkt der Überlegungen war die Beobachtung, dass sich die öffentliche Meinung in Europa immer weiter von der in den USA entfernte und mitunter in "Anti-Amerikanismus" umzuschlagen drohte. Um diesem Trend entgegenzuwirken, sollte den Europäern deutlich gemacht werden, wie viel doch (West)Europa und die USA verbindet. Man entschied sich für ein Programmformat, das vor allem die Altersgruppe zwischen 18 und 34 ansprechen sollte, also jene, die die Amerikaner nie als Befreier und Helfer beim Überleben ("Care"-Pakete) und Wiederaufbauen (Marshall-Plan) erlebt hatten. Dafür entwickelte der Auslandssender ein am kommerziellen Rundfunk orientiertes Format mit viel Musik mit knappem Wortanteil.

Viel Musik
Aus dem VoA-Hauptprogramm stammten nur einige aktuelle Sendungen, u. a. auch besondere Pressekonferenzen des US-Präsidenten und das VoA-Editorial, das wie in allen VoA-Diensten zweimal pro Tag die Meinung der US-Regierung wiedergibt. Die stündlichen Nachrichten wurden montags bis freitags extra für VoA-Europe zusammengestellt und sonst aus dem englischen Hauptprogramm übernommen. Das Programm bestand vor allem aus Musik der verschiedenen Hitlisten. Unter anderem werden auch die American Top 4o mit Casey Kasem und der American Country Countdown mit Bob Kingsley übernommen. VoA-Europe war also im Musikprogramm dem US-Soldatensender AFN sehr verwandt, aber das Englisch war viel verständlicher und die Musikflächen wurden nicht so oft von Informationen für Insider unterbrochen. Man ließ sich durchaus etwas einfallen, um sich von anderen Musiksendern abzuheben. Im August 1986 z.B. produzierte Dan Alexander einen Mix des Bananarama-Hits "Venus" mit dem Shocking-Blue-Original, das nach Meinung vieler Moderatoren eh die bessere Version war. Unbestrittener Star unter den Mitarbeitern war Willis Connover mit seinem abendlichen "House-of-Sounds"-Jazzprogramm, der schon seit 1955 Musikprogramme für die VoA machte.

und ein wenig Wort
In das Musikprogramm wurden mehrfach täglich kleine Beiträge über das Leben in den USA ("Americana"), Informationen aus der Musikszene und Veranstaltungshinweise für Europa eingestreut. "And what you'll discover is that inspite a notion separating our two continents we do indeed have a lot in common." Dieser Satz aus einem VoA-Europe-PR-Spot fasst die Zielsetzung noch einmal so knapp zusammen, dass er schier unübersetzbar ist. "Sie werden entdecken, daß wir trotz einer gegenteiligen Empfindung, die unsere Kontinente gegenwärtig trennt, in der Tat viel gemeinsam haben." In "What people think" interviewte Carol Parkers Passanten aus zwei Städten der USA und Europas werden ganz verschiedene Themen angesprochen. Die Palette reichte von unpolitischen Fragen wie z.B. der Notwendigkeit von Make-up und der Einschätzung von Diät-Bier bis hin zur Tagesaktualität wie der Challenger-Katastrophe und zu Reizthemen wie der Abtreibung. Außerdem reisten einige VoA-Mitarbeiter kreuz und quer durch Amerika und berichteten live über Telephon, was immer ihnen erwähnenswert erschien. Das Reisen hatte man sich von Charles Kuralt abgeguckt, der diese Stilform im US-Fernsehen zur Perfektion geführt hat und dessen Berichte manchmal auch schon im deutschen Fernsehen gesendet wurden.

Die gute alte Mittelwelle
VoA-Europe wurde in Washington DC produziert (ab Herbst 1986 in Stereo!) über Satellit nach Europa übertragen und über den ECS-1 an Kabelnetze, UKW- und Mittelwellensender weiterverteilt. Als VoA-Europe am 15. Oktober 1985 um 6.00 Uhr MEZ auf Sendung ging, waren sechs Kabelnetze in Deutschland und ein UKW-Sender in Paris angeschlossen. Der wichtigste Neuzugang aber war zu Jahresanfang 1986 der 300-kW-Mittelwellensender der VoA-Station München. Vom 6. Januar 1986 an war VoA-Europe vor- und nachmittags auf 1197 kHz zu hören, zu Zeiten, die vorher schon für das englische VoA-Hauptprogramm genutzt wurden, ohne daß dies angesagt oder in einem Sendeplan vermerkt wurde: 8.00-12.00, 14.00-18.00 und 1.00-3.00 Uhr Ortszeit. Die Mittagszeit wird für Wartungsarbeiten gebraucht, da die Mittelwelle sonst durchgehend auf Sendung ist. Durch diesen Sendereinsatz konnte VoA-Europe fünf bis sechs Mio. zusätzliche Hörer in Bayern und Österreich erreichen. Ganz problemlos war der Sendebetrieb noch nicht. Die Mittelwelle brach schon mal in den Yankee-Doodle aus, mit dem die VoA ihre Programme zu beginnen pflegt. Aber das Echo auf die Mittelwellensendungen war groß. Knapp einen Monat nach Aufnahme der Sendungen scherzte ein Moderator: "Früher bekamen wir alle zwei Wochen einen Brief, nun bekommen wir in einer zwei."

PR-Arbeit
Als Anreiz zum Schreiben wurden Anfang des Jahres kostenlose T-Shirts angeboten, solang der Vorrat reichte. Die Shirts sind weiß mit zwei roten Wellen und drei blauen Sternen und tragen den Stationsslogan, "VoA-Europe, music and more". Das Angebot wurde gerne angenommen. Im Juni bekam man so viele Briefe wie in den ersten Sendemonaten überhaupt. Um die 150 Briefe gingen nun pro Woche ein, meist Bitten um ein T-Shirt. Zum August wurden die T-Shirts im Angebot durch das VoA-Hausmagazin "Voice" ersetzt, das einen Artikel über VoA-Europe brachte. Nach einer Ansage am 15. September 1986 hatte die VoA 1 Mio. T-Shirts machen lassen, aber vielleicht hat sich der DJ in ein paar Nullen geirrt.
Im Rahmen der PR-Kampagne kam Dan Alexander Anfang September 1986 zu einer Neun-Tage-Tour u.a. nach München, Genf und Paris, wo VoA-Europe eben auch terrestrisch ausgestrahlt wurde. Es war sein erster Europa-Besuch. Nach einem kurzen Sprechtest am 2. September gab es am 3. und 4. zum ersten Mal Musikprogramme der VoA-Europe live aus Europa. An diesen Tagen präsentierte Dan Alexander von 9.00 bis l0.00 Uhr eine Stunde seiner Show live aus dem Amerika-Haus in München. Außerdem verschenkte er wie auch in den anderen Städten Platten und Andenken, Aufkleber, Stifte usw.
 
 

Die erste Krise
Ab Mai 1986 gab es auch eine europäische Anschrift für VoA-Europe: das Postfach 220 229 in München 22. Bei Erfolg sollte VoA-Europe auch in Fremdsprachen senden, zuerst in Deutsch und Französisch, dann auch in Italienisch und Spanisch, und man dachte an München als Hauptproduktionsstätte. Am 17. September 1986 jedoch wurde den Mitarbeitern mitgeteilt, daß VoA-Europe mit dem 31. Dezember 1986 eingestellt werden sollte. Am 18. September konnte ein völlig frustrierter Dan Alexander sich in seiner Morning-Show gar nicht von diesem Thema lösen. Grund der Sendeeinstellung ist Geldmangel bei der VoA. Drei Mio. US-Dollar hatte VOA-Europe im ersten Sendejahr zur Verfügung gestellt bekommen.

und dann doch eine Dekade...
 
© Dr. Hansjörg Biener 0701
letzte Bearbeitung 0701
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