Selbst wenn viele ihre Lieblingssender auf UKW hören, gibt es auf Lang-, Mittel- und Kurzwelle viel zu entdecken. In den kommenden Jahren düften diese alten Wellenbereiche noch interessanter werden. Zum einen gibt es neue Programme öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunkanbieter, zum anderen wird mit der Umstellung auf digitalen Rundfunk der Nachteil der schlechteren Audioqualität sicher wettgemacht. Seit 1987 arbeiten Experten am digitalen Rundfunk. Nun scheint mit Digital Radio Mondiale eine Lösung für Lang-, Mittel- und Kurzwelle vor der Einführung zu stehen. Der Übertragungsstandard ist bis zur Marktreife entwickelt und öffentlich zugänglich, damit auch neue Interessenten in den Markt eintreten können.
Das 1998 begründete DRM-Konsortium umfasst heute um die 70 große Rundfunksender, Forschungsstätten und Elektro-Konzerne und verfügt damit auch über die Stärke, eine neue Technologie einzuführen. Nachdem digitale Sendeverfahren für die Rundfunkbereiche unter 30 MHz längere Zeit eher hinter verschlossenen Türen entwickelt wurden, verstärkte Digital Radio Mondiale die Öffentlichkeitsarbeit. Die Internetpräsenz von Digital Radio Mondiale findet sich unter http://www.drm.org.
DRM als Hoffnungsträger
"AM ist nicht tot" und "Die Mittel- und
Kurzwelle kommen wieder." Mit diesen Worten begrüßte Peter Pfirstinger
vom Bayerischen Rundfunk am 7. Juli 2001 die Gäste beim Tag der Offenen
Tür am Sender Ismaning . Versammelt hatten sich Freunde alter Radios,
Rundfunkhobbyisten und Interessierte aus der Umgebung, die schon Jahrzehnte
in der Nachbarschaft lebten, aber noch nie auf dem Gelände waren.
In Ismaning stehen alte und neue Mittel- und Kurzwellenanlagen, dazu UKW-Sender.
Am Standort haben etwa 60 Mitarbeitende des Bayerischen Rundfunks ihre
Büros bzw. ihren Stützpunkt, für Ismaning selber sind gut
ein Dutzend Leute zuständig.
In Vorträgen am Vor- und Nachmittag
führte Stationsleiter Peter Bartl in die Geschichte der Übertragungstechniken
ein, während Harald Wickenhäuser von Rohde und Schwarz dem interessierten
Publikum die große Hoffnung Digital Radio Mondiale erläuterte.
Wie Bartl betonte, ist der schlechtere Höreindruck der Mittelwelle
gegenüber UKW ein Einbauproblem des Frequenzrasters. "In der Anfangszeit
hat man ein Kanalraster von 9 kHz für ausreichend gehalten. Da kommen
dann 4,5 kHz Bandbreite bei 15 kHz für Hifi-verwöhnte Ohren nicht
mehr mit." Alle Verfahren zur Modulationsaufbereitung und auch die seit
fünf Jahren in Ismaning eingesetzte Bandbreite von 7 kHz seien nur
Behelfsmittel. Bei Digitalsendern hingegen werde auch mit 4,5 kHz Bandbreite
Hifi-Qualität möglich und, wenn gewünscht, Stereo. An dieser
Stelle setzte Harald Wickenhäuser für seinen Vortrag ein. Bisher
litten die traditionellen AM-Wellenbereiche an den Alternativen mit besserem
Höreindruck, am abnehmenden Interesse von Hörerschaft und Industrie
und der finanziellen Situation der Sender. Zudem komme mit Power Line Communications
("Internet aus der Steckdose") eine weitere Gefahr für die störanfällige
AM-Technologie.
Aus drei Szenarien leitete Wickenhäuser
den zwingenden Umstieg auf die fast marktreife Digitaltechnik ab: In Deutschland
habe man, später als in anderen Ländern, begonnen, durch neue
Programmangebote die Doppelversorgung auf AM und FM abzubauen und so die
Mittelwelle attraktiv zu halten. Inwiefern das gelungen sei, möge
man selber beurteilen. Im zweiten Szenario verwies Bickenhäuser auf
den Versuch, durch die Verbesserung der traditionellen AM-Techniken zu
Energieeinsparungen zu kommen. Doch sei zum Beispiel SSB nicht wirklich
aufgenommen und fortgeführt worden, zumal die Probleme mit der Audioqualität
bleiben. Insofern bleibe nur, drittens, der Umstieg auf Digitaltechnik.
Das 1998 gestartete DRM-Projekt habe binnen zweieinhalb Jahren einen fast
weltweit akzeptierten Standard erarbeitet und getestet. Sollte es bei der
regulären Einführung im Mai 2003 (Termin einer World Radio Conference)
bleiben, kämen umgehend wieder die alten Vorzüge von Lang-, Mittel-
und Kurzwelle zum Tragen: Man könne (1) neue Programme samt Zusatzdiensten
anbieten und (2) schon mit wenigen Sendern große Reichweiten erzielen.
Dabei könne man (3) auf die schon bestehende zuverlässige Infrastruktur
zugreifen und (4) durch "gatekeeper" fremdkontrollierte Verbreitungswege
wie Satellit und Internet vermeiden. Da es aber das Henne-Ei-Problem zwischen
Programmanbietern, Empfängerherstellern und Publikum gibt, beendete
Wickenhäuser seinen Vortrag mit dem Appell an seine Hörer, "DRM-Männer
der ersten Stunde zu werden" und den Empfängermarkt mit anzuschieben...
Anlass für den Offenen Tag war ein
Radio-Sammler-Treffen der Gesellschaft der Freunde der Geschichte des Funkwesens.
Zum Leidwesen der Organisatoren fiel die Veranstaltung ab 14.00 Uhr buchstäblich
ins Wasser. Mit 100-km-Böen und einem Temperatursturz von 10°
fiel eine Gewitterfront in Oberbayern ein und richtete im Großraum
München zahlreiche Schäden an.
"Besserer Empfang
durch neue Technologien"
In einem Vortrag am Fraunhofer-Institut
berichtete Dipl.-Ing. Gerd Kilian am 10. Oktober 2001 einem gut gefüllten
Saal vom Stand der Dinge. "Besserer Empfang durch neue Technologien" -
das ist die Verheißung, die Kilian für seine Hörerschaft
hatte. "Der störungsfreie Empfang auf Lang-, Mittel- und Kurzwellenbändern
ist dank digitaler Übertragungstechnik bald Wirklichkeit." DRM soll
den traditionellen AM-Rundfunk ablösen, die Wettbewerbsnachteile der
bisherigen AM-Bänder gegenüber UKW minimieren und ihre Vorteile
erhalten. Der gravierendste Nachteil ist die für UKW-verwöhnte
Ohren zu schlechte Audioqualität. Sie hängt mit den Bandbreiten
aus der Anfangszeit zusammen, die nur durch eine komplette Umplanung aller
Bandpläne und Reduzierung der zur Verfügung stehenden Kanäle
zu beheben wäre. DRM aber schafft es durch Aufbereitungsverfahren,
bei akzeptablen Übertragungsraten dem Publikum eine 15-kHz-Bandbreite
zur Verfügung zu stellen. Die spürbare Verbesserung gegenüber
AM und "UKW-nahe" Tonqualität wurde dem Publikum dann auch mit den
mittlerweile gut bekannten Beispielen von Testsendungen aus Sines und Orfordness
belegt. Im Unterschied zu UKW erreicht andererseits der traditionelle AM-Bereich
mit wenigen Sendern Flächendeckung und, wenn gewünscht, eine
weltweite Versorgung.
DRM-Technik verbindet so Audioqualität,
Flächendeckung und Ökonomie. Statt 1 Mio. DEM Stromkosten für
einen 1 MW-Mittelwellensender auszugeben, erreicht man künftig mit
einem Viertel der bisherigen Sendestärke dieselbe Fläche. Dabei
kann man auch den Versorgungsbereich genauer planen und Gleichkanalsender
besser aufeinander abstimmen. Im Unterschied zum bisherigen AM-Empfang
ist beim digitalen Empfang schlagartig Schluss, wenn das gewünschte
Empfangssignal nicht mehr genügend Abstand (>16 dB) u anderen Signalen
hat. Bis an diese Grenze ist der Empfang durch die Fehlerkorrektur perfekt,
danach wird kein Audiosignal mehr bereitgestellt. "Sender im Hintergrund"
oder Verwirrungsphänomene beim Gleichwellenempfang werden künftig
nicht mehr zu hören sein. Da DRM Gleichwellennetze ermöglicht
und bis zu vier Sprachprogramme auf derselben Frequenz, dürfte auch
eine Entlastung der Bandsituation eintreten. Man überlege sich die
Vorteile einmal am Beispiel der beiden Programme des DRM-Mitgliedes DeutschlandRadio,
das für die Flächendeckung drei Langwellensender, acht Mittelwellensender
und zwei Kurzwellensender braucht und für die Konkurrenzfähigkeit
überall in Deutschland UKW-Kleinstfrequenzen sucht.
Mit Begeisterung berichtete Dipl.-Ing.
Gerd Kilian von den Vorführungen auf der Internationalen Funkausstellung
in Berlin (25.8.-2.9.2001) und der International Broadcasting Convention
in Amsterdam (12.-18.9.2001). Auf der ifa war das Fraunhofer-Institut mit
sieben Empfängern an Ständen und einem mobilen Empfänger
vertreten. Vor allem mit dem Empfang im Auto habe man Eindruck machen können:
"Kurzwelle in UKW-Qualität überall in Berlin", außer in
den Unterführungen...
Bei der ifa gab es folgende Sendungen:
531 kHz (1 kW) Burg, mit Multimedia-Anwendungen
810 kHz (1 kW) Berlin-Scholzplatz
855 kHz (2,5 kW) Berlin-Britz
891 kHz (1 kW) Schäferberg
1485 kHz Gleichwelle
5975 kHz (40 kW) Jülich
Für die kW-Angaben könne man
sich verbürgen, auch wenn manche Rundfunkfreunde aufgrund der Empfangsstärken
von deutlich höheren Sendestärken ausgegangen sind. Auf einigen
dieser Frequenzen wird auch weiterhin DRM zu hören sein. Die Frequenz
531 kHz wurde auf zwei Jahre für digitale Sendungen koordiniert, und
auf 810 kHz gebe es Tests, "solange die Telekom Lust hat". Ein weiterer
Betriebsversuch startete auf der Mittelwelle Putbus 729 (1 kW). Aufgrund
der Erfahrungen mit dem AM-Sender erwartete man eine Reichweite von 50
km, doch auch in einer Entfernung von 120 km sei der Empfang in Ordnung
gewesen.
Ein großes Problem ist im Moment
die Gestaltung des Übergangs zur neuen Technik. Auf der Senderseite
ist die Umstellung nicht ganz so problematisch wie auf der Empfängerseite.
Die meisten Sender können wegen der fortgeschrittenen Digitalisierung
einfach durch den Austausch von Komponenten umgerüstet werden. 2,2
Mrd. existierenden AM-Empfängern muss ein attraktives und preiswertes
Angebot entgegentreten. Anwesende erinnerten sich an die Methode, wie seinerzeit
in Deutschland der UKW-Rundfunk interessant gemacht wurde: Bei Fußball-Übertragungen
kam die erste Halbzeit auf Mittelwelle und die zweite auf UKW. So wird
man weltweit kaum vorgehen können, doch soll der digitale Rundfunk
2003 beginnen.
Gerade Amateurfunker und Kurzwellenfreunde
haben in den letzten Monaten zahlreiche Testsendungen verfolgen können.
Da verschiedene Bandbreiten getestet wurde, befürchteten manche eine
Rückkehr der Kurzwellenverseuchung durch die Jammer vergangener
Tage. Kilian betont demgegenüber, dass man mit dem traditionellen
Raster von 4,5 kHz hinkommt und bei 20 kHz Bandbreite senderseitig Zukunftssicherheit
gewinnt. Im übrigen verwies er darauf, dass vielleicht auch empfängerseitig
die Selektivität zu wünschen übrig ließ. In der Tat
stellt DRM hohe Anforderungen an die Empfängertechnik. DRM arbeitet
mit 200 einzelnen 50 Hz breiten Trägern und braucht eine Abstimmung
auf 0,5 Hz. Das ist "von Hand" nicht möglich. 3 Pilotträger helfen
dem Empfänger bei der Abstimmung, weitere Referenzträger ermöglichen
die Korrektur von Kanalverzerrungen durch Gleichwellenempfang oder durch
Mehrwegeausbreitung, wie sie gerade für die Kurzwelle typisch ist.
Im Gegenzug aber ermöglichen selbst 120 empfangene Träger noch
akzeptable Audioqualität.
Kurzwellenfreunde werden möglicherweise
eine wichtige Vorreiterrolle übernehmen, denn sie hat man beim Fraunhofer-Institut
im Moment besonders im Blick. Während sich Thales und BBC auf vollständige
Neuentwicklungen setzen, hat man beim Fraunhofer-Institut einen handelsüblichen
Kurzwellenempfänger modifiziert. Dessen Signal wird dann auf einer
12 kHz-Zwischenfrequenz in den Computer überspielt und dort weiterverarbeitet.
Kilian sieht bei dieser Lösung den Vorteil, dass damit kurzfristig
und leicht zahlreiche qualifizierte Empfangsgeräte angepasst werden
könnten. Weltweiter Radioempfang in UKW-naher Qualität, zusätzliche
Datendienste, erhöhter Bedienungskomfort durch automatische Sendersuche
- das wären nur einige Punkte, die DRM gerade für Wellenbummler
interessant machen dürften. Den Phantasien zum Bedienungskomfort freien
Lauf gelassen, könnte man auch an die Mitübertragung von aktuellen
Sendeplänen denken oder an kostenlose software-updates. Auf Nachfrage
äußerte sich Institutsleiter Prof. Dr.-Ing. Heinz Gerhäuser
zum nahe-liegenden Virus-Problem. Natürlich werde man die Software
der Empfänger nicht völlig zum Überschreiben freigeben,
sondern die Grundfunktionen sichern und back-ups alter Betriebssoftware
ermöglichen. Man müsse ja nicht gleich an Viren denken, es könne
ja auch sein, dass neue Versionen zunächst unentdeckte Macken hätten.
USA (Washington DC): Bei einem Treffen im Funkhaus von Radio Free Asia (RFA) in Washington haben mehr als 20 Partner eine Koalition zur Verbreitung von Digital Radio Mondiale (DRM) in den USA gegründet. Das 1998 gegründete weltweite DRM-Konsortium (www.drm.org) von mittlerweile 81 Partnern verfolgt die Einführung eines gemeinsamen digitalen Standards für Lang-, Mittel- und Kurzwelle. Von der "UKW-nahen" Empfangsqualität der neuen Technologie erhofft man sich eine Neubelebung des traditionellen AM-Bereichs. Die Bildung eines nationalen Konsortiums in den USA hat besondere Bedeutung, da hier auch andere digitale Übertragungssysteme für diesen Wellenbereich entwickelt worden sind. Jeff White (drm@wrmi.net), bislang Präsident der National Association of Shortwave Broadcasters, wurde zum Vorsitzenden gewählt. An seiner Seite stehen Mike Adams von der Far East Broadcasting Company als Repräsentant der Radiosender, Adil Mina von DRS Broadcast Technology (früher Continental Electronics) als Repräsentant der Senderhersteller. DRM-Sendungen Richtung Nordamerika kommen bereits von BBC World Service, CBC/Radio Canada International, Deutsche Welle, Radio Netherlands, Radio Sweden, Vatican Radio und einigen anderen. Auf der anderen Seite sind DRM-taugliche Radioempfänger noch kaum auf dem Markt. (DRM USA Group Pressemitteilung 1.6.2004)
Die Rheinland-pfälzische Landesmedienanstalt
(LPR) (http://www.lpr-online.de/) betrachtet die
"Entwicklungsperspektiven für den
regionalen und lokalen Rundfunk in Rheinland-Pfalz bis 2007" auch unter
dem Aspekt der digitalen Mittelwelle, hier allerdings gemäßigt
skeptisch. Dies geht aus einem Papier der Versammlung der LPR vom 28. Juni
2004 hervor: "Im Zuge der Digitalisierung der Mittelwelle wird künftig
mit dem DRM-Verfahren ... eine UKW ähnliche Tonqualität über
Mittelwellensender erreicht werden können. Für Rheinland-Pfalz
ist (als Ergänzung zum DAB-Angebot) eine landesweite Versorgung mit
digitaler Mittelwelle sowie je eine regionale Versorgung in den fünf
Oberzentren des Landes für jeweils ein Programm vorgesehen. Bislang
stehen dafür noch keine Frequenzen zur Verfügung. Aus heutiger
Sicht erscheint deshalb ein Regelbetrieb erst mittelfristig realisierbar.
Bei der Digitalen Mittelwelle sind insbesondere Reichweitenunterschiede
zwischen der Tag- und Nachtversorgung zu berücksichtigen. So wird
nach gegenwärtigem Erkenntnisstand bei einem Sender mit kleiner Leistung
tagsüber voraussichtlich ein Gebiet mit einem Durchmesser von bis
zu 30 Kilometern versorgt, während nachts nur ein Gebiet mit einem
Durchmesser von bis zu 5 Kilometern versorgt werden kann. Diese Randbedingungen
bestimmen grundlegend die Erlösmöglichkeiten des Veranstalters."
(B. Weiskopf 18.7.2004)
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Dr. Hansjörg Biener 0110
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